Gedanken über’s Auswandern

Kennt ihr das, ihr habt den Traum auszuwandern, erzählt es eurem Umfeld und jeder meint, dass er euch seine Meinung dazu mitteilen zu müsste?

Als mein Mann und ich die Entscheidung getroffen hatten, nach Norwegen zu gehen, reichten die Reaktionen von “wie toll, das ist ja spannend”, über “Norwegen ist aber unsicher wegen des Amoklaufs auf Utøya”, “das ist aber sehr dunkel und kalt da oben” (von der Bankangestellten, als ich meien Adresse ändern wollte), “oh, sieht man sie dann bei den Auswanderern auf Vox?” (Am Telefon, als ich eine Versicherung abmelden wollte), “ich würde so gern mitkommen, ich bin alleinerziehender Papa mit zwei Kindern” (als ich bei der Post ein Paket an meine neue Adresse schicken wollte) zu “Ihr kommt bestimmt nach einem Jahr zurück.”

Warum meint eigentlich jeder, dass wir eine Reaktion und Bewertung erwarten? Man muss es nicht gut finden, man muss es noch nicht mal nachvollziehen können, man darf gern Glück wünschen, oder gar nichts sagen, aber Miesepeter braucht man in so einer Situation wirklich nicht. Warum denken die Anderen eigentlich, dass sie unser Vorhaben bewerten müssten? Wollen sie uns warnen, ist es Misgunst oder fühlen sie sich gar beleidigt, weil wir Deutschland verlassen und damit anders Leben als sie selbst? Waren sie überhaupt schon mal selbst in Norwegen?

Es wird wohl einen Grund geben, warum es euch in das fremde Land zieht, vielleicht wart ihr im Urlaub dort und habt euch in die Natur verliebt, vielleicht seid ihr einfach nur neugierig und wollt mal etwas Neues probieren.

Selbst wenn ihr nach einem Jahr zurück geht, weil ihr merkt, was ihr in der alten Heimat alles aufgegeben habt und ihr nicht bereit seid auf Dauer darauf zu verzichten, ist das alles andere als eine Niederlage. Es ist eine unglaublich hilfreiche Erkenntnis, die ihr dann gewonnen habt, nach einem Jahr, das sicher kaum hätte spannender sein können. Ihr habt euren Horizont erweitert, seid in eine neue Kultur eingetaucht, habt die Sprache, die Menschen und das neue Klima kennen gelernt und müsst euch nicht mehr fragen, wie das Leben dort wohl wäre.

Meine Familie hat unsere Entscheidung zum Glück von Anfang an unterstützt, sich höchstens um mich gesorgt, aber mich mit meinem Mann ziehen lassen. Ja, vielleicht kommen wir nach einem Jahr zurück nach Deutschland, weil wir merken, dass das Leben dort besser war, das Wetter erträglicher, die Leute netter, die Preise niedriger und das Gesundheitssystem umfangreicher. Ehrlich gesagt, hätte ich mich auch ein wenig darüber gefreut. Was für eine spannende Erfahrung man in diesem Jahr dann gemacht hat und welch hilfreiche Erkenntnis man gewonnen hat und sich nicht mehr fragen muss, wie es wohl wäre in Norwegen zu leben. Stattdessen ist mein Herz nun in zwei Orten gleichzeitig, ich kann aber nur an einem Ort sein. Wahrscheinlich werde ich mich nie mehr vollkommen zu hause fühlen, weder in Norwegen noch in Deutschland, das ist der Preis den man zahlt, dafür, dass man ein neues Land für sich entdecken und in eine neue Kultur eintauchen wollte.

Nein, vielleicht passt Norwegen gar nicht zu mir, weil die Sprache fremd ist und ich viel Licht und Wärme mag. Vielleicht konnte mein Mann, der in Finnland aufgewachsen ist, das aber doch besser einschätzen als unsere kritischen Bekannten. Vielleicht war ihm die skandinavische Kultur und das Klima so vertraut, weil es ein Teil von ihm ist und er wusste, dass er sich hier wohlfühlen wird und mir damit einen Teil seiner skandinavischen Herkunft näher bringen könnte.

Vielleicht lerne ich doch die fremde Sprache, finde irgendwann einen Job, obwohl ich keinerlei Erfahrung habe, überstehe doch irgendwie die langen und dunklen Winter, arrangiere mich mit dem schlechten Wetter, verliebe mich in die wunderschöne Natur des Landes, lerne die Zuversicht und positive Einstellung der Norweger kennen und schätzen, verbringe mehr Zeit in der Natur, finde Ruhe und Stärke in mir, bleibe über neun Jahre, bekomme zwei wunderbare Kinder hier, vermisse trotzdem meine Familie und frage mich nun, ob ich mir vorstellen könnte, wirklich noch mal auszuwandern, weil dieses Land längst meine Heimat geworden ist…

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